Gustav Mahler in Toblach

In diesem Aufsatz hat Marianna Trenker, eine Adoptivtochter der Trenker-Familie, die im Jahre 1938 noch lebendigen Erinnerungen an Mahler festgehalten.

Auf dem ungemein idyllischen nahe am Waldrand gelegenen, schönen Hofe Altschluderbach hat Gustav Mahler mit seiner Familie drei Jahre seine Sommerfrische verbracht. Im Sommer 1907 war Gustav Mahler in Neuschluderbach, jetzt Carbonin. Offenbar bei einem Spaziergang dürfte Gustav Mahler auf die landschaftlich reizende, ruhige Lage unseres Hauses aufmerksam geworden sein und so mietete er im Frühjahr 1908 die Wohnung, die auch seine Witwe im Jahre 1911 noch bewohnte. Es ist eine große geräumige Wohnung mit zehn Zimmern und schöner geschlossener Veranda in alter schlossartiger Bauart. Das Haus ist ein alter Edelsitz Toblachs und stammt noch von Maximilians Zeiten. Im großen Salon ist am Plafond das Wappen derer von Leis zu sehen. Fünf Minuten vom Hause entfernt, in einem stillen Fichtenwäldchen ist ein schlichtes Sommerhäuschen, das die eigentliche Arbeitsstätte Gustav Mahlers war. Drei Klaviere kamen jedes Frühjahr und mussten ins Häuschen geschafft werden. Dort verbrachte er den größten Teil des Tages und durfte von niemandem, selbst von seiner Frau nicht, gestört werden. Schon frühmorgens mussten die Sachen zum Frühstück bereit stehen: also Tee, Kaffee, Butter, Honig, Eier, Gebäck, Obst und Geflügel.

Direktor Mahler ging schon um sechs Uhr früh an die Arbeit. Ein Ofen vervollständigte die Einrichtung des Häuschens, den er selber anfeuerte und sich das Frühstück bereitete. Das Häuschen musste in einem Umkreis von 1 km von einem 1 und ½ m hohen Zaun umgeben sein. Nun stiegen trotzdem einmal zwei Handwerksburschen über den Zaun und belästigten den berühmten Komponisten mit Betteln. Nun musste der Zaun noch mit Spitzendraht versehen werden. Einmal verfolgte ein Geier einen Raben und der flog schutzsuchend in das Arbeitskabinett Mahlers. Der Herr Direktor kam ganz aufgeregt zum alten Trenker, Besitzer von Altschluderbach, und beklagte sich bitter über den frechen Eindringling. Herr Trenker lachte ihm ins Gesicht und nun musste Gustav Mahler mitlachen. Ein anderes Mal brachte ihn der Haushahn aus der Fassung, weil er ihn mit seinem Kikeriki aus dem Morgenschlummer weckte. „Wie könnte man es dem Hahn beibringen, dass er am Morgen nicht kräht?“ fragte der Herr Direktor. O ja, sagte darauf Herr Trenker, man dreht ihm einfach den Kragen um; doch davon wollte Gustav Mahler auch nichts wissen. Im Verkehr mit den Leuten war er herzensgut und recht gemütlich. Oft erzählte er uns, wie er als Kind einer armen kinderreichen Familie beim Studium tagelang nur von einem Stück Brot lebte, damit er die Kosten aufbrachte. Arme Handwerksburschen sammelte er auf der Straße, kleidete sie und versorgte sie mit Geld, damit sie so leichter eine Arbeit fanden; gewiss dankten sie ihm seine Güte noch über das Grab hinaus.

Gustav Mahler empfing viele Gäste, unter ihnen war auch Selma Kurz, eine berühmte Sängerin. Einmal befand er sich unter den Gästen seiner Frau, die ihm anscheinend nicht recht behagten. Auf einmal steht er auf und sagt mit einer entsprechenden Handbewegung: „In Wien gibt’s viele Saukerle und es kann sein, dass sich auch unter uns einer befindet?“ Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist es, dass ich mir Gustav Mahler genau vorstellen kann, mit seinen gesträubten Haaren, in seinem schlichten Arbeitsanzug und einer gewissen Eigenart im Gang. Wir besitzen ein Bild von ihm mit seiner eigenen Unterschrift und es ist uns als teure Erinnerung an den großen Komponisten lieb und wert.

 

Briefe, die Mahler in Toblach schrieb

Biographie Gustav Mahler

Die Toblacher Werke

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